Schlüpfrige Abmahnungen per E-Mail

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erzeit ist in den Nachrichten zu erfahren, dass Abmahnkanzleien Abmahnungen verschicken, weil man sich einen Stream angesehen haben soll. Damit habe man eine Urheberrechtsverletzung gegenüber dem Rechteinhaber begangen. Aktuelles Beispiel sind Abmahnungen der Rechtsanwaltskanzlei U & C (Urmann + Collegen) aus Regensburg, die die Filme „Miriam’s Adventures“, „Hot Stories“, „Amanda’s Secret“ und „Dream Trip“ betreffen. Mandant ist die Schweizer Aktiengesellschaft „The Archive“, welche die Rechte an den Streifen halten soll. Sofern eine solche Abmahnung per E-Mail eintrifft, distanziert sich die Kanzlei auf ihrer Website allerdings davon und warnt davor, den enthaltenen Anhang zu öffnen.

Das Ungewöhnliche an Abmahnungen zu Streams ist, dass man selbst beim Streaming keine Daten weitergibt. Bei Tauschbörsen muss jemand, der Ihre IP-Adresse als „Anbieter“ herausbekommen möchte, selbst als Downloader aktiv werden. Sobald die Übertragung zu ihm von Ihnen aus gestartet wird, hat er die Adresse und kann damit die Herausgabe ihrer Daten veranlassen und abmahnen.

Beim Streaming gibt es technisch bedingt allerdings nur zwei Parteien: Den Anbieter und den Nutzer. Ein Dritter kann so eigentlich nicht an Ihre Adresse kommen. Eine Möglichkeit: Ihr Internetzugang wird überwacht – aber gehen wir mal davon aus, dass sich NSA & Co. weniger für solche Fälle interessieren. Die andere Möglichkeit: Der Streaminganbieter hat Ihre Adresse weitergegeben. Normalerweise ist davon nicht auszugehen, immerhin verbreitet er im Zweifelsfall genau die Inhalte, die der angenommenen Urheberrechtsverletzung zugrunde liegen. Denkbar wäre, dass er die Daten per Gerichtsbeschluss herausgeben musste. Dann bleibt immer noch, dass das reine Streaming auch urhebergeschützter Inhalte rechtlich nicht eindeutig greifbar ist. Hier sind sich Juristen nicht einig, ob das überhaupt strafbar ist. Und sogar wenn – der verursachte Schaden bestünde nur darin, die Nutzung nicht bezahlt zu haben. Wie gesagt, beim Streaming verbreiten Sie die Daten ja nicht weiter.

Unser Tipp: Hören Sie auf Ihren gesunden Menschenverstand. Wie plausibel ist es, dass ein kommerziell produzierter Film, der vielleicht sogar noch im Kino läuft, kostenlos angeboten wird? Sie bezahlen nichts, dem Anbieter entstehen aber durch den Unterhalt der Technik und das übertragene Datenvolumen Kosten. Und diese Kosten wird er sich irgendwie wieder reinholen wollen. Im schlimmsten Fall damit, dass er im Auftrag halbseidener „Werber“ Schadsoftware auf ihren Rechner bringt. Vielleicht bindet er auch gezielt unsichtbar einen Stream ein, der später zu einer Abmahnung führt.  Und das kann deutlich teurer werden, als einige Euro für ein Kinoticket oder eine DVD/BluRay.

  • Florian Hartig
    Florian HartigLeiter IT, Projektleitung Internet
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